Home
News
Fotos
Übersetzung
Kunden
Links
Kontakt
Impressum
Deutsch --> Englisch

Bioethanol: Wird Getreide knapp?

(Teil des Originaltextes in DLG-Mitteilungen 4/2006 von Dr. Christian Bickert stellv. Chefredakteur)

Vielerorts herrscht eine regelrechte Euphorie über die Absatzmöglichkeiten von Getreide für die Herstellung von Ethanol oder zum Verbrennen. Aber welche Mengen werden wirklich benötigt? Und stützt das die Getreidepreise?

Getreide Bis heute arbeiten in Europa erst sieben größere Anlagen zur Bioethanolherstellung auf Getreidebasis mit einem nennenswerten Umfang. In Deutschland sind es drei Anlagen. Wenn sie auf vollen Touren laufen, benötigen sie etwa 2,1 Mio. t Getreide. Weitere drei Anlagen stehen in Spanien (eine in Galizien, zwei in der Nähe von Barcelona). Deren Rohstoffbedarf wird mit etwa 1 Mio. t Gerste angegeben. In Schweden steht eine Anlage für 150000 t Weizen. Alle weiteren Anlagen, die in Europa derzeit in Betrieb sind, sind entweder Kleinanlagen mit unbedeutendem Getreidebedarf (z.B. in Schweden) oder sie arbeiten auf der Basis von Melasse oder anderen Nachprodukten. In Frankreich beispielsweise verarbeiten zehn Anlagen zusammen 300000 t Weizen und Mais. Insgesamt liegt der gesicherte Getreidebedarf der europäischen Ethanolindustrie heute bei etwa 3,8 Mio. t.

Bis 2008 werden jährlich maximal 6 Mio. t Getreide für Bioethanol benötigt. Für die kommenden Jahre sind weitere Anlagen im Bau, in Planung oder in Ankündigung. Ob aber wirklich alle Anlagen gebaut werden, ist noch völlig offen. Als gesichert gelten darf der Bau der Agrana-Anlage in Österreich, die 500000 t Weizen schlucken soll. In Lillebonne an der Grenze zu Belgien wird der französische Zuckerkonzern Tereos eine Anlage für 800000 t Weizen bauen, und auch die Planungen des spanischen Herstellers Abengoa für das südfranzösische Pardie (470000 t Mais) dürfen als gesichert gelten. Im Elsass soll ebenfalls eine neue Großanlage entstehen. In Deutschland will die NAWARO-Chemie eine Anlage auf Roggenbasis (270000 t) im Rostocker Hafen errichten, und in Rotterdam soll ebenfalls eine Großanlage gebaut werden. Nimmt man diese sechs Anlagen einmal zusammen, so benötigen sie unter Volllast (und das dürfte kaum vor 2008 sein) weitere 3 Mio. t Getreide, vornehmlich Weizen. Damit läge der einigermaßen gesicherte Getreidebedarf bei etwa 7 Mio. t.
Geht man davon aus, dass weitere Anlagen mit der dreifachen Kapazität der derzeit fest geplanten bzw. in Betrieb befindlichen Anlagen bis 2009 entstehen, so wächst der EU-Getreidebedarf für die Bioethanolherstellung auf 21 Mio. t. Das entspricht je nach Jahr einem Anteil von etwa 8% der EU-Getreideernte. Aus 21 Mio. t Getreide lassen sich etwa 7 Mio. t Ethanol herstellen.

AehreAb 2010 können im günstigsten Fall 32 Mio. t Getreide im Bioethanolmarkt Absatz finden. Um das EU-Ziel 5,75% Bio-Anteil in den Treibstoffen zu erreichen, benötigt die EU etwa 13,5 Mio. t Bioethanol. Davon werden bereits heute 1 Mio. t importiert. In den Mercosur-Verhandlungen, die die EU im Sommer wieder aufnehmen will, hatte die EU bereits Importquoten für 1 Mio. t Bioethanol angeboten. Man darf sicherlich davon ausgehen, dass dies nicht das letzte Wort war. Importe aus Brasilien von 2 Mio. t Bioethanol sind daher nicht unrealistisch. Dafür spricht auch die Ankündigung des Rotterdamer Hafens, 150 Mio. € in zusätzliche Umschlagsanlagen für Ethanol investieren zu wollen. Damit benötigt die EU rechnerisch etwa 10,5 Mio. t Bioethanol aus eigener Produktion, was etwa 32 Mio. t Getreide, mithin rund 13% der EU-Ernte entspräche. Ungewiss ist aber noch, ob die EU das Ziel von 5,75% wirklich in jedem Land durchsetzen kann und wie dieses Ziel ausgelegt wird. Es wäre immerhin denkbar, dass höhere Biodieselanteile mit niedrigeren Bioethanolanteilen verrechnet werden können. Dies fordert z.B. der französische Mineralölkonzern Total.

Ein wenig kompensiert wird der zusätzliche Getreidebedarf für Bioethanol auch durch den Anbau von Getreide auf Stilllegungsflächen. In Deutschland wurden zur Ernte 2005 bereits 21000 ha mit Getreide für diesen Zweck bestellt. Zur Ernte 2006 dürften es bereits 80000 ha sein. Unterstellt man in Zukunft einen Anbau von Getreide auf je 200000 ha Stilllegungsflächen in Deutschland, Frankreich und Spanien sowie je 100000 ha in Großbritannien und Italien und einen Getreideertrag von 55 dt/ha, so ergibt sich eine zusätzliche Getreideernte von knapp 4 Mio. t. Unter dem Strich beträgt der maximale Getreideverbrauch für Bioethanol von Konsumflächen in der EU ab 2010 daher etwa 28 Mio. t, das wären 11% der Ernte 2005.

Fazit. Bioethanol sollte durchaus geeignet sein, die Getreidepreise zu unterstützen. Ob allerdings absehbar genügend Anlagen gebaut werden, um dem Markt die überschüssigen Mengen zu entziehen, bleibt ungewiss. Vor 2010 wird dies mit Sicherheit nicht der Fall sein, denn solche Anlagen benötigen von der Planung bis zum Betrieb unter Volllast drei Jahre – wie sich an den deutschen Beispielen zeigte. Zudem ist bei allen Zahlenspielen zu berücksichtigen, dass die Entwicklung nicht nur in diese Richtung geht. Es sind auch Alternativen vorhanden bzw. in der Entwicklung – beispielsweise Erdgasmotoren, Btl-Kraftstoffe (sunfuel) oder Brennstoffzellen. Zu guter Letzt sollten Sie auch Ertragsfortschritte nicht vergessen. Ein jährlicher Anstieg der EU-Getreideernte um nur 0,5% führt bis 2010 zu einem zusätzlichen Angebot von 6–7 Mio. t. Der langfristige Erntezuwachs liegt aber eher bei 1,5–2%, so dass bis 2010 mit zusätzlichen 20 m t Getreide zu rechnen ist.

 
So viel Treibstoff braucht die EU
 

Die Klimaziele der EU sehen vor, 5,75% der Treibstoffe durch Biosprit zu ersetzen. Wie viel Getreide bzw. Raps würden benötigt, wenn dies vollständig durch Biodiesel auf Rapsbasis und Ethanol auf Getreidebasis geschehen sollte?

In der EU werden jährlich etwa 230 Mio. t Diesel und 156 Mio. t Benzin verbraucht. Um diese zu 5,75% zu ersetzen, benötigt man rund 14,5 Mio. t Biodiesel und

ca. 13,5 Mio. t Bioethanol (niedrigere Verbrennungswerte bereits eingerechnet). Um diese Mengen herzustellen, bedarf es 40 Mio. t Getreide und 36 Mio. t Raps. Die EU-Getreideernte betrug im vergangenen Jahr 258 Mio. t, die EU-Rapsernte wird auf 15,5 Mio. t geschätzt.

nach oben